Burgenland übergibt jüdisches Zentralarchiv an die Israelitische Kultusgemeinde Wien

10.11.2020

Mit einer gemeinsamen Vertragsunterzeichnung von LH Hans Peter Doskozil und Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG Wien), wurde heute die Übergabe bzw. Rückgabe des Jüdischen Zentralarchivs an die IKG Wien besiegelt. Eines der größten Archive jüdischer Geschichte in Österreich geht damit vom Land an die offizielle Vertretung der jüdischen Gemeinde bzw. Religionsgemeinschaft über. „Das Burgenland bekennt sich zu seiner historischen Verantwortung für das jüdische Erbe und die reichhaltige jüdische Tradition. Wir legen das Zentralarchiv in die Hände der IKG, weil die jüdische Gemeinde das Recht auf ihre eigene Geschichte hat“, betonte Landeshauptmann Doskozil. Dies würde auch durch die Revitalisierung der Synagoge von Kobersdorf, die Sanierung der Synagoge in Schlaining, das gemeinsame Engagement im Österreichischen Jüdischen Museum in Eisenstadt oder auch durch das Projekt „Erinnerungszeichen“, in dessen Rahmen jüdische Friedhöfe im Land gepflegt werden, sichtbar. Doskozil stellte auch klar, dass „das Judentum und die jüdische Kultur wichtiger Bestandteil der österreichischen Identität sind und man allen Tendenzen, die diese Tatsache in Frage stellen und den Antisemitismus schüren, eine klare Absage erteilen muss“.

Das Jüdische Zentralarchiv wurde ab dem Jahr 1930 aus den leihweise übergebenen Beständen der ehemaligen Kultusgemeinden des Burgenlandes, von Vereinen und Privatpersonen durch den Archivalienpfleger des Bundeskanzleramtes Karl Halaunbrenner in enger Zusammenarbeit mit dem Landeskonservator des Bundesdenkmalamtes Archivalienpfleger Sándor Wolf und mit Unterstützung des Amtes der Burgenländischen Landesregierung als Archivbehörde errichtet. Allgemein beinhaltet das Schriftgut Bestände der ehemaligen Jüdischen Kultusgemeinden des Burgenlandes. Im Wesentlichen umfasst der Bestand amtliche Korrespondenz, Unterlagen zur jeweiligen Grundherrschaft und Kultusgemeinde, Gemeindevorstandsakten sowie Vorstandsprotokolle, Verordnungen des (Ober)Stuhlrichters, Amtsbescheide, Geburts-, Trauungs- und Verlassenschaftsakten, Kultusangelegenheiten.

„Aufgrund der Genese des Jüdischen Zentralarchivs kommen das Land und die Israelitische Kultusgemeinde Wien überein, dass die Bestände des Zentralarchivs physisch in vollem Umfang vom Burgenländischen Landesarchiv an das Archiv der Israelitische Kultusgemeinde Wien übergeben werden. Die IKG Wien wird fortan die Verwahrung und Bereitstellung der Sammlung wahrnehmen“, so der Landeshauptmann. IKG-Präsident Oskar Deutsch erklärte: „Wir werden die bisherige archivarische Arbeit des Landesarchivs Burgenland weiterführen. Alle Archivalien werden in deutscher, ungarischer, hebräischer/jiddisch und fallweise auch lateinischer und kroatischer Sprache archivwissenschaftlich erschlossen und durch Findbehelfe im Archiv und online zugänglich gemacht.“

Im Zuge eines gemeinsamen Projektes wird der gesamte Aktenbestand des Jüdischen Zentralarchivs digitalisiert und online zur Verfügung gestellt. „Dieses Projekt ist ein Quantensprung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte und Kultur – vor allem auch im Bereich der jüdischen Alltagskultur“, betonte Doskozil weiter.

Das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ist das größte erhaltene Archiv einer jüdischen Gemeinde. Es verfügt über umfangreiche Quellen zur Aufarbeitung der Shoah sowie für die Geschichte und Entwicklung der Jüdischen Gemeinde in Wien und ihrer Mitglieder bis ins 17. Jahrhundert. Die Archivbestände umspannen bis zu vier Jahrhunderte. Sie dokumentieren die Organisation der Kultusgemeinde und ihrer wohltätigen Einrichtungen sowie ihre religiöse, kulturelle und bildungspolitische Bedeutung. Eines der wichtigsten Ziele beim Wiederaufbau des Archivs ist die Rückholung aller sowohl von den Nationalsozialisten beschlagnahmten als auch von der IKG Wien in der Nachkriegszeit leihweise übergebenen Archivalien.

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