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Mit dem Plan B aus der Pandemie

Ich plädiere für einen Kurswechsel - die Lösung ist eine Balance zwischen Sozialem und Gesundheit.

26.02.2021

In schweren Krisen verlieren wir leicht die Übersicht. Kein Wunder, dass Corona von vielen als medizinisches Problem gesehen wird, aber viel zu wenig als wirtschaftliches, soziales und gesellschaftliches. Aber das verhindert die Wahrnehmung der sozialen Katastrophe, die sich vor unseren Augen abspielt. Während viele keine Arbeit haben, Existenzen ruiniert sind und manche jungen Menschen die Freude am Leben verlieren, diskutieren Teile der Politik immer weltfremder, wie lange wir uns noch einsperren könnten. Die Probleme brodeln derweil im "Untergrund" weiter und je mehr wir uns weigern, über sie zu sprechen, desto explosiver werden sie.

Corona ist die schwerste Zäsur unserer Gesellschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Anzahl der Menschen, die leiden, erreicht ein Ausmaß, das wir bisher für undenkbar gehalten haben. Viele leiden an der Krankheit und ihren Folgen, viele aber auch unter den Maßnahmen gegen die Krankheit.

Nach einem Jahr Pandemie kristallisieren sich drei Lösungswege für die Pandemie heraus. Manche setzen auf eine unkontrollierte Durchseuchung und eine Rückkehr zu einer scheinbaren Normalität. Andere wollen so lange Lockdown, bis die Infektionszahlen so tief sind, dass wir jedem Fall nachgehen können. Das ist momentan der verbreitetste Ansatz. Die dritte Idee ist eine Balance zwischen vernünftiger Gesundheitspolitik und dem Erhalt eins gesellschaftlichen Lebens, das diese Bezeichnung auch verdient.

Während die FPÖ für eine unkontrollierte Öffnung ist, schwankt die Bundesregierung zwischen diesem Extrem einerseits und ständigem Lockdown andererseits und tritt uns so die Probleme beider Wege ein. Dementsprechend verheerend steht Österreich gesundheitspolitisch wie wirtschaftlich da.

Insbesondere unter linken - meist gut abgesicherten - Gruppen, gibt es noch die sogenannte ZeroCovid Bewegung. Es ist die radikalisierte Version der Regierungspolitik. Die Idee ist, so lange im Lockdown zu bleiben, bis man Corona zum Verschwinden bringt. Auch manche Sozialdemokraten liebäugeln damit. Aber der Platz der Sozialdemokratie muss an der Seite derer sein, die unter den Verhältnissen leiden. Und nicht an der Seite derer, die sie aufgrund ihrer privilegierten Situation besonders gut aushalten.

ZeroCovid ist ein Irrweg. Oft aus den besten Absichten, aber doch ein Irrweg. Weil es eine Ignoranz des Sozialen und der Demokratie bedeutet. Die letzten Monate haben gezeigt, dass die Lockdown-Strategie nach einem Jahr Pandemie nicht mehr die erwünschten Erfolge erzielt. Die Menschen können nicht mehr, die Zahlen sinken nicht mehr. Wenn man krampfhaft versucht, die Wirklichkeit an die eigenen Ideen anzupassen, scheitert immer die Idee.

Wenn die Probleme groß werden, kommt es oft zu einer gesellschaftlichen Polarisierung. Diesmal stehen auf der einen Seite die „Corona-Leugner“. Auf der anderen Seite die Regierung, die nur mehr Corona sieht. Dass sich die Regierung dabei zunehmend der radikalsten Lockdown-Freunde bedient, zeigt, wie wenig Rückhalt sie in der Bevölkerung hat. Denn ihr Weg ist nicht alternativlos. Es gab von Anfang an Stimmen, die sich der unerfreulichen Realität gestellt haben. In der Medizin, in der Wirtschaft, aber auch in der Politik. Darunter Journalisten wie Kurt Langbein, Wissenschaftler wie Martin Sprenger und Politiker wie der nunmehrige CDU-Chef Armin Laschet.

Der Unmut in der Bevölkerung wird größer, und wenn man das ignoriert, landet man in einer Situation wie in der „Flüchtlingskrise“ 2015. Die Politik tut so lange so, als würde sich alles ausgehen, bis die Stimmung in der Bevölkerung kippt. Die Folgen spüren wir bis heute.

Für einen neuen Plan müssen wir die Wirklichkeit akzeptieren: Der Plan, die Welt zu impfen und Corona zu besiegen, war von Anfang an ein kühner. 193 Länder zu impfen, bevor das Virus weiter mutiert, ist eine gigantische Herausforderung. Den Plan hat man aber in Wirklichkeit schon aufgegeben. Arme Länder werden erst in Jahren geimpft, bis dahin kann das Virus dort immer neu mutieren. Die Idee in einer globalisierten Welt ganze Kontinente abzuschließen, ist nicht weniger unrealistisch als ZeroCovid. Man muss aber gar nicht so weit schauen, selbst in Österreich scheitert die Strategie an der Wirklichkeit. Wie können wir da glauben, dass sie in 193 Staaten funktioniert?

Es ist wahrscheinlich, dass das Virus in der Welt bleibt. Das sage nicht ich, sondern 90 Prozent aller von der renommierten Zeitschrift „Nature“ befragten Top-Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Wir werden mit Impfungen und Medikamenten besser in der Behandlung, aber es wird in absehbarer Zeit nicht gelingen, das Virus zu besiegen. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen.

Denn nur so können wir einen lebbaren Weg finden. Die Bevölkerung hat genug von den ewigen Lockdowns. Existenzen werden vernichtet, und immer mehr Menschen, quer durch die Generationen, leiden deshalb unter schweren psychischen und physischen Problemen.

Deshalb plädiere ich für einen Kurswechsel. Die bisherige Coronapolitik ist gescheitert. Die Lösung ist eine Balance zwischen Sozialem und Gesundheit. Der Plan B aus der Pandemie. Die Gesellschaft braucht Normalität. Das geht nur, wenn wir das Testangebot massiv ausbauen. Getestet ins Lokal gehen, die Kinder in die Schule bringen, sich mit Freunden treffen, das ist eine viel bessere und wahrscheinlich auch gesündere Welt als die, in der wir gerade leben.

Wir setzen das im Burgenland um, die Regierung muss es nur zulassen. Wir sind jetzt schon die Testmeister Österreichs und würden das auch in der Gastronomie, dem Tourismus und anderen Lebensbereichen umsetzen. Wenn wir große Teile der Bevölkerung zum Testen bringen, funktioniert das wie ein Wellenbrecher gegen die Pandemie. Gerade auch jetzt bei steigenden Zahlen ist das klüger als dabei zuzusehen, wie mehr und mehr Menschen den Lockdown schlechter und schlechter einhalten, weil sie einfach nicht mehr können. Wer mehr testet, findet mehr positive Fälle, das stimmt. Jedoch sind hier auch die positiven Effekte herauszuarbeiten. Im Burgenland machen wir die Erfahrung, dass wir, mit einer Quote von rund 30 Prozent, so viele asymptomatische Fälle finden wie kein anderes Bundesland. Das bedeutet, dass wir Krankheitsverläufe frühzeitig erkennen und so weitere Ansteckungen verhindern können.

Parallel dazu müssen wir in die Medikamentenforschung investieren, als Ergänzung und mögliche Alternative zum Impfstoff. Auch das Impfen ist eine große Hoffnung, wenn eine rasche und weltweite Ausrollung gelingt. In der Medikamentenforschung und in der Impfstoffausrollung wäre der Spruch des Bundeskanzlers – „koste es was es wolle“ – tatsächlich gefragt. Jetzt müssen wir aber einen Kurs wählen, den die Gesellschaft aushält, bis das Virus so behandelbar ist, wie es bei vielen anderen Krankheiten der Fall ist. Regelmäßig testen, aber normal leben, ist das Ziel.

In der Politik ist es beliebt, die Wirklichkeit schönzureden. Damit mag man Wahlen gewinnen, aber irgendwann hört einem niemand mehr zu. Die SPÖ kennt das Problem seit Jahren aus der Migrationsdebatte. Zielführender ist es, die Wirklichkeit nicht schönzureden, sondern die Realität anzusprechen – also „sagen ,was ist“.

Sagen was ist, bedeutet: Leiden ist nicht zur Gänze vermeidbar. Wer das verspricht, lügt. Wir können weder die vollständige Durchseuchung wollen noch den ständigen Lockdown. Wer die unzähligen Opfer der Dauer-Lockdowns ignoriert, nur um den Kurs nicht ändern zu müssen, handelt zynisch.

Es braucht eine Öffnung im Denken und Tun, sonst verlieren wir die Gesellschaft und gefährden den sozialen Frieden und am Ende die Demokratie. Es ist hoch an der Zeit, einen Plan B zu wählen.

 

 

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